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Zeit der Mutigen

Zeit der Mutigen

Ausgezeichnet mit dem Österreichischen Buchpreis 2025 | Dimitré Dinev

Hardcover
2025 Kein & Aber
Auflage: 6. Auflage
1152 Seiten; 46 mm x 125 mm
ISBN: 978-3-0369-5079-2

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Kurztext
Mit erzählerischer Brillanz und tiefgründigem Humor folgt Dimitré Dinev entlang der Donau dem verflochtenen Schicksal dreier Familien und zeichnet dabei das empfindsame Porträt eines ganzen Jahrhunderts.

Hauptbeschreibung

Als das Dienstmädchen Eva am Vorabend des Ersten Weltkriegs ihrem Leben in der Donau ein Ende setzen möchte, wird sie stattdessen in die Arme des jungen Infanterieleutnants Alois Kozusnik gespült. Statt ihres Lebens verliert sie ihre Unschuld. Es ist der Startpunkt einer epischen Geschichte, die sich aus drei großen Erzählsträngen zusammensetzt und sich bis in die heutige Zeit fortspinnt. Was macht den Menschen aus? Wie durchlebt und übersteht er Jahre der Unterdrückung und Gewalt? Wie schafft er es immer wieder, Kraft zu schöpfen, zu hoffen und zu lieben?
Dimitré Dinev erkundet in seinem neuen großen Roman die Geschichte Europas und die zentralen Fragen des menschlichen Zusammenlebens und schafft damit ein literarisches Meisterwerk des Humanismus und der Empathie.



WASSER

1

In dieser Sommernacht war Eva Nagel zur Donau gegangen mit der Absicht, sich ins Wasser zu werfen, aber stattdessen warf sie sich in die Umarmung des Infanterieleutnants Alois Kozusnik. Anstatt ihre Gefühle einem uralten Strom anzuvertrauen, lag auf einmal ihr Kopf auf der spärlich bewachsenen Insel einer fünfundzwanzigjährigen Männerbrust.
Eva Nagel war Dienstmädchen. Was sie nicht alles jahrelang geduldig ertragen hatte, Schimpf und Tadel, Beleidigungen und Demütigungen, die Launen und das kranke Misstrauen der Herrin, das ewige Nachstellen des Herrn, die Sticheleien der Köchin. Doch als sie heute beschuldigt worden war, eine Kette der Herrin gestohlen zu haben, da riss etwas in ihr, etwas, das dazu diente, die wenigen Lichtblicke ihres Daseins aufzufangen, sie in die entlegensten Winkel ihrer Seele zu befördern und in Lebensenergie zu verwandeln, etwas, das es schaffte, das Ausstrecken einer Katze, den gezwirbelten Schnurrbart eines Kutschers und viele andere genauso kleine und unwichtige Dinge in Freude zu verwandeln, etwas, ohne das es die Eva Nagel, so wie sie alle kannten, gar nicht geben konnte.
Im Angesicht einer solchen Ungerechtigkeit blieb sie wie erstarrt, weder Tränen kamen ihr aus den Augen noch Worte über die Lippen. Was zu rinnen hatte, rann in ihr, füllte sie auf, machte sie träge. Auf einmal hatte sie keine Kraft mehr, weder um ihre Herrschaften anzuflehen, noch um ihre Unschuld zu beteuern. Sie wurde entlassen. Sie packte langsam ihre Sachen, nahm den Beutel, mit dem sie vor vier Jahren nach Wien gekommen war, und zog wort los hinaus. Nur kurz, sehr kurz, hatte sie erwogen, zurück nach Hause in ihr Dorf zu kehren, aber allein die vage Vorstellung, was sie dort erwarten würde, hatte gereicht, um sich für die Donau zu entscheiden. Die Donau würde sie umarmen, trösten und sanft ans Ufer legen. So stellte sich Eva Nagel das vor.
»Ein großer Fluss wird dein Schicksal werden«, hatte ihr einmal, an einem ihrer wenigen freien Tage, eine Wahrsagerin im Prater prophezeit. Sie hatte den Prater gerngehabt, aber jetzt hatte sie keine Lust auf ihn. Sie hatte ja auch nicht frei, sie war jetzt frei, und für ein freies Dienstmädchen gab es nur die Donau. Unterwegs bemerkte sie nichts außer den unterschiedlichsten Arten von Kot, die auf den Straßen lagen. Sie sah nur noch den Dreck, der überall klebte, auf Straßen, Häusern, Menschen, und sie dachte an das Wasser, das sie bald, sehr bald, von all dem reinwaschen werde. Welche Wege sie gegangen war und warum es so lange gedauert hatte, wusste sie später nicht, aber es war schon dunkel, als sie das Ufer erreichte. Der Fluss spiegelte die Sterne nicht, er war noch schwärzer als die Nacht und sah wie die Tinte aus, mit der ihr Herr Dienstzeugnisse und Geschäftsbriefe zu schreiben pflegte. Nur dass es unfassbar mehr war. Die Zeugnisse aller Dienstboten der Welt hätten damit geschrieben werden können und noch mehr, wahrscheinlich alles, was der Mensch seit der Erschaffung der Welt gedacht und gesagt hatte.
Alles Gedachte und Gesagte floss gerade an Eva vorbei. Stumm floss es, schwarz floss es, ungeschrieben floss es. Ihr gefiel die Vorstellung, dass sie in einen Fluss voller ungeschriebener Worte steigen würde. Der Fluss würde ihr letztes Zeugnis sein, lesen würden es dann die anderen, vor allem die Polizei.
Sie sammelte Steine und steckte sie überall in ihr Kleid. An manchen Stellen berührten sie ihre Haut. Ihre Kälte ließ sie erzittern. Dann machte sie den ersten Schritt zum Fluss, aber das Wasser zog sich zurück. Will mich die Donau denn nicht, dachte sie und sah ein großes Schiff, das gerade in der Flussmitte vorbeifuhr.
»Das nennt man Physik. Gleich kommt es wieder zurück. Aber das Wasser ist kalt, Mädel.« Sprach denn der Fluss zu ihr? Etwas zog sie zurück, zurück zum Ufer, zur Erde, eine unerwartete, unbekannte Kraft. Sie drehte sich um und bli

Dimitré Dinev wurde 1968 in Bulgarien geboren. Im Jahr 1990 kam er als Flüchtling nach Österreich, wo er studierte und seitdem in deutscher Sprache Drehbücher, Erzählungen und Essays veröffentlichte. Seine Theaterstücke wurden u. a. am Burgtheater inszeniert. Der literarische Durchbruch gelang ihm 2003 mit seinem Familienroman »Engelszungen«, der europaweit mit großem Interesse aufgenommen wurde. Dimitré Dinev lebt in Wien.



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